Das steinerne Herz (Arno Schmidt)

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Das steinerne Herz (Untertitel: Ein historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi) ist ein Roman des deutschen Schriftstellers Arno Schmidt, der im Jahr 1956 erschien. Der Titel enthält Anklänge an Wilhelm Hauffs Erzählung Das kalte Herz und an E. T. A. Hoffmanns Das steinerne Herz.

Die erste Auflage wurde an politisch, religiös und sexuell „anstößigen“ Stellen entschärft. Erst 30 Jahre später erschien im Rahmen der Bargfelder Ausgabe eine unzensierte Urfassung, die zudem Autorenkorrekturen aus späteren Textstadien berücksichtigt.

Die – wie für Schmidt üblich – recht einfache Handlung spielt, wie der Untertitel schon sagt, im Jahr 1954.

Der Ich-Erzähler, Walter Eggers, fährt auf der Suche nach dem Nachlass des hannoverschen Statistikers Friedrich Jansen nach Ahlden und mietet sich mit der Behauptung, er sei „Einkäufer“, bei einer Enkelin Jansens, Frieda Thumann, und ihrem Mann Karl, einem Lastwagenfahrer, ein. Tatsächlich befindet sich auf dem Dachboden des Hauses eine Bücherkiste. Eggers macht Frieda den Hof und verwickelt sie in ein Liebesverhältnis. Frieda durchschaut ihn jedoch bald. Sie gibt die begehrten Jansen-Bücher nur nach und nach und Stück für Stück heraus. Eggers fährt mit Karl nach Berlin und tauscht in der dortigen Staatsbibliothek seine Dublette der zweiten gegen die ihm fehlende dritte Auflage von Heinrich Ringklibs[1] Statistische Uebersicht der Eintheilung des Königreichs Hannover nach Verwaltungs- und Gerichtsbezirken … nach dem literarischen Vorbild von Jean Pauls Siebenkäs auf raffinierte Art aus.

Karl hat in Ost-Berlin eine Geliebte, Line Hübner, in deren Gartenlaube Karl Thumann und Eggers übernachten, um am nächsten Morgen wieder nach Ahlden zu fahren. Ohne jede Eifersuchtsdramatik löst sich das Paarungsproblem, indem Line Hübner mit einem erschlichenen Reisepass mit nach Ahlden genommen wird. Eggers plant sein Verschwinden aus dem Hause Thumann, nachdem er seine Buchtrophäen sicher in Händen hat. Im letzten Moment wird jedoch ein Goldschatz in einer Zwischendecke des Hauses Thumann entdeckt. Die raren Münzen werden in Hannover für gutes Geld an einen Sammler verkauft. Eggers fügt sich aufgrund dieser materiellen Sicherheit zögernd in sein Schicksal und bleibt mit Frieda in Ahlden. Ein wichtiges Thema des Romans ist die Geschichte der Prinzessin von Ahlden, die zu ihrer Zeit wegen Ehebruchs lebenslang im Ahldener Schloss gefangen gehalten wurde. Ein weiter zu nennender Bezug ist Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften.

Das steinerne Herz ist – nach Hans Scholz’ Am grünen Strand der Spree. So gut wie ein Roman (1955) – der erste in der Bundesrepublik Deutschland erschienene Roman, der zugleich in West- und Ostdeutschland spielt und beide Seiten gleich kritisch darstellt.

Alfred Andersch nannte das Buch Schmidts politisch und erotisch verwegenstes. Aber nicht in der schlichten Handlung liegt die Stärke des Buches, sondern in seiner eigenwilligen Prosa, bis hinein in eine verlebendigende Interpunktion und Orthographie. Außer dem im Titel bereits anzitierten E.T.A. Hoffmann kann noch Wilhelm Hauff („Das kalte Herz“) mit hinzugenommen werden – so spielt allein der Titel auf (mindestens) zwei literarische Werke an, ein Verfahren, das der Verfasser artistisch und virtuos im gesamten Text anwendet.

  • Helmut Garritzmann: Wiedergelesen Das steinerne Herz von Arno Schmidt. Über Sammelleidenschaft und ihre Entgrenzungserscheinungen. In: Marginalien. Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie, Heft 245, Jahrgang 2022/2, S. 22–30
  • Josef Huerkamp: Nr. 8. Materialien und Kommentar zu Arno Schmidts „Das steinerne Herz“. edition text+kritik, München 1979, ISBN 3-88377-033-7.
  • Broschüre der Arno Schmidt Stiftung: Entstehung und Geschichte eines Buches 1987/88.
  • Josef Huerkamp, Guido E. Öztanil, Rainer Hendricks u. a. (Hrsg.): Bilderkacheln. Das Album zu Arno Schmidts Roman „Das steinerne Herz“. edition text + kritik, 2004, m. zahlr. Abb., ISBN 3-88377-791-9.
  • Susanne Fischer: Die Welt ein vergessenes Zimmer. Zum historischen Roman Das steinerne Herz. In: Arno Schmidt Stiftung (Hrsg.): Teiche zwischen Nord- und Südmeer. Fünf Vorträge (= Hefte zur Forschung, Band 2). Bargfeld 1994, S. 77–95.
  • Josef Huerkamp: „die dünne Nabelschnur“. Neue Ansichten vom „Steinernen Herzen“. In: Zettelkasten 8, Aufsätze und Arbeiten zum Werk Arno Schmidts. Jahrbuch der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser, hg. von Friedhelm Rathjen, Frankfurt/M.: Bangert & Metzler 1990, S. 123–155.
  • Josef Huerkamp: „Was wäre denn so Ihr Ideal?“ Drei Lesungen zum gesetzten Text des Politischen Romans „Das steinerne Herz“. In: Zettelkasten 10, Aufsätze und Arbeiten zum Werk Arno Schmidts. Jahrbuch der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser, hg. von Rudi Schweikert, Frankfurt: Bangert & Metzler 1991, S. 95–119.
  • Josef Huerkamp: „Ihr werd’t Euch wundern!“ „Das steinerne Herz“: der Romananfang (I). In: BB, Lfg. 227–230, Juni 1998, S. 3–58; der Romananfang (Teil II und Schluß), in: BB, Lfg. 231–233, August 1998, S. 3–29.
  • Josef Huerkamp: Das Schaufenster in Ahlden. Poetische Beschreibung: beschreibende Poetik. In: Zettelkasten 20, Aufsätze und Arbeiten zum Werk Arno Schmidts. Jahrbuch der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser, hg. von Thomas Körber, Wiesenbach: Bangert & Metzler 2001, S. 173–193.
  • Josef Huerkamp: Erzwungener Selbstkommentar. Arno Schmidts Zeitungsartikel im Horizont des 'Steinernen Herzens'. In: Zettelkasten 21, Aufsätze und Arbeiten zum Werk Arno Schmidts. Jahrbuch der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser, hrsg. von Rudi Schweikert, Wiesenbach: Bangert & Metzler 2002, S. 7–46.
  • Josef Huerkamp: „Das Sammlerherz“. Arno Schmidts Roman „Das steinerne Herz“ und der statistische Stil. In: Tote Dichter sterben nie. Beiträge zur Arno Schmidt-Ausstellung vom 5. September – 3. Oktober 2004 im Northeimer Heimatmuseum, hrsg. von Hartmut Fischer, Northeim 2004, S. 9–44.
  • Josef Huerkamp: Ein Mann mit Eigenschaften. Die Hoppenstedt-Figur in Arno Schmidts Roman 'Das steinerne Herz’. In: Literatur ohne Kompromisse. ein buch für jörg drews, hrsg. von Sabine Kyora, Axel Dunker, Dirk Sangmeister, Bielefeld: Aisthesis 2004, S. 351–363.
  • Josef Huerkamp: 'Froh des entdeckten Fehlers'. Zur Normschreibung in Arno Schmidts Roman 'Das steinerne Herz'. Eine fast ernste Erwiderung. In: BB, Lfg. 280, Juni 2005, S. 3–19.
  • Josef Huerkamp: „Ein siebenseltsames Geschöpf“. Holographisches Portrait der Line Hübner in Arno Schmidts Roman „Das steinerne Herz“. In: Zettelkasten 24, Aufsätze und Arbeiten zum Werk Arno Schmidts. Jahrbuch der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser, hg. von Erol Hesse-Öztanil, Wiesenbach: Bangert & Metzler 2005, S. 49–80.
  • Josef Huerkamp: „Die Stimme des Zeitansagers“. Gemessene und gedeutete Zeit in Arno Schmidts Roman „Das steinerne Herz“. In: Zettelkasten 25, Aufsätze und Arbeiten zum Werk Arno Schmidts. Jahrbuch der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser, hg. von Frank Legl, Wiesenbach: Bangert & Metzler 2008, S. 99–154.
  • Josef Huerkamp: Unterirdische Zeugen aus Regentrudes Welt. Arno Schmidts Roman 'Das steinerne Herz' und 'das elementarische Dasein'. In: (Sammelband zum Thema „Hohlwelten“, hrsg. von Hartmut Fischer. Erscheint 2009).
  • Josef Huerkamp: „Die große Kartei“. Enzyklopädie zu Arno Schmidts Roman „Das steinerne Herz“. München: edition text+kritik 2011, 927 Seiten, ISBN 978-3-86916-113-6.
  • Josef Huerkamp: „Toreutische Arbeit“. Der 'Zitatismus' in Arno Schmidts Historischem Roman „Das steinerne Herz“. München: edition text+kritik 2011, ISBN 978-3-86916-147-1.
  • Alice Schmidt: Tagebuch aus dem Jahr 1954. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2004, 334 Seiten, ISBN 3-518-80220-8.
  • Alice Schmidt: Tagebuch aus dem Jahr 1955. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2008, ISBN 978-3-518-80330-1.
  • Alice Schmidt: Tagebuch aus dem Jahr 1956. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011, ISBN 978-3-518-80330-1.
  • Hartmut Dietz Wiederholungszwänge Teil 1 & 2 [1]

Einzelnachweise

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  1. Ringklib in der Deutschen Nationalbibliographie.